NEUES VON UNSEREN DIREKTMITGLIEDERN 08.04.19

Lieber Michel Schwarzer, liebe Fotofreunde/-freundinnen,

zunächst einmal begrüße ich es ausdrücklich und möchte dafür danken, dass auf gegenlicht-online jetzt eine Plattform geschaffen worden ist mit der Möglichkeit, sich auch über Vereinsgrenzen hinweg über individuelle Arbeiten, Projekte usw. von Mitgliedern auszutauschen.

Ich nehme heute also die Gelegenheit wahr und stelle ein Foto zur Diskussion, das ich vor dem letzten RLS-Bezirkswettbewerb zum Thema „Perspektiven“ in meiner Auswahl hatte. Mein Gedanke war, dem bei diesem Thema erwartungsgemäß sehr dominierenden Motivbereich „Moderne Architektur“ etwas entgegenzusetzen, was ich selbst vorläufig als „humane Perspektive“ bezeichnen würde. Dabei wollte ich den Fokus weniger auf z.B. interessante Linienführungen von Gebäuden o.ä. richten, sondern im Rahmen der Themenstellung auf Menschen und Situationen, und habe in meinen Ordnern bewusst nach entsprechendem Bildmaterial gesucht.  

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Mein Foto „Rendezvous im Regen“, das ein japanisches Kimono-Pärchen neben einer Tempelanlage in Kyoto zeigt, war für mich zunächst ein „heißer Favorit“, weniger für eine hohe Punktewertung, sondern vielleicht für eine möglichst erhellende, eventuell sogar kontroverse Besprechung. Ein spontaner Schnappschuss, entstanden während einer Japan-Reise, zeigt ein junges Pärchen in einer durchaus intimen Situation, eingebettet in einen bestimmten Kontext: die festliche Kleidung, dazu ein trüber Regentag mit dem grau-diesigen Hintergrund (Atmosphäre!?), die Figuren etwa im Schnittpunkt einer Linienführung, die von dem Geländer und der Dachkonstruktion der Tempelanlage ausgeht und die Frage aufkommen lässt (damit wären wir schon auf einer anderen Sinnebene von „Perspektive“): Werden die „Götter“ diesen beiden und ihrer Beziehung gewogen sein, oder ist es doch so, dass das Paar auch sprichwörtlich „im Regen steht“, dass die junge Dame etwa ihrem Begleiter eine Träne aus dem Auge wischt mit den Worten „Nimm’s nicht so schwer …“? Den Rest könnte man sich dann denken. Auf jeden Fall hat mich diese Möglichkeit der Bildaussage berührt, warum auch immer. 

Abgesehen von diesem „menschlichen“ Aspekt, könnte es natürlich auch sein, dass das Foto gravierende formale Mängel zeigt, die ich selbst nicht wahrnehme oder über die ich mich „hinwegtäusche“ und die es für die Vorgabe „Perspektiven“ gänzlich ungeeignet erscheinen lässt.

Ich hatte das Bild schon auf Fine-Art ausgedruckt, ins Passepartout eingefügt, hinten das DVF-Etikett draufgeklebt, es beschriftet – und habe es dann aus meiner Auswahl wieder herausgenommen, weil mir Zweifel kamen, ob irgendein Juror oder Betrachter meinen Gedanken (s.o.) überhaupt hätte folgen können. Vielleicht sind die Gründe, warum mir gerade dieses Foto selbst so zugesagt hat, dass ich so viel Zeit in die Ausarbeitung investiert habe, zu subjektiv, zu subtil, um für irgendjemanden nachvollziehbar zu sein!? Habe ich mich bei meiner eigenen Beschäftigung mit einer möglichen Bildaussage „verrannt“, etwas gesehen, was andere Betrachter niemals wahrnehmen würden? Oder etwas übersehen?

Ich vermute, dass ich nicht der einzige bin, der schon einmal bei der Auswahl eigener Bilder für eine Präsentation oder einen Wettbewerb vor genau diesen Fragen gestanden hat. Als ein Beispiel für diese Problematik möchte ich mein Foto in dem neuen Forum gern zur Diskussion stellen und würde mich über Rückmeldungen sehr freuen.

Viele Grüße Ulrich

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